Montreux-Missolunghi-Astapowo. Eine literarische wanderung vom Genfersee ins Berner Oberland

Limmat Verlag, Zürich, 2002 ISBN 978-3857914072

Rotpunktverlag, Zürich, 2012
ISBN 978-3-85869-515-4

In sieben Tagen vom Genfersee ins Berner Oberland

1816 entflieht Byron nach dem Skandal um seine Liebe zu seiner Halbschwester Augusta trotzig an den Genfersee. 1857 sieht Tolstoi in Paris, wie ein Mensch guillotiniert wird, und flieht schockiert in die Schweiz. Beide wandern sie vom Genfersee ins Berner Oberland, und beide führen sie dabei Tagebuch, über Landschaft, Tod, Liebe, die Schweiz. 2001 wandert Michail Schischkin auf ihren Spuren dieselbe Strecke. Er liest ihre Tagebücher und führt ein eigenes. Seine Füße wandern, seine Gedanken wandern. In sieben Wandertagen entstehen ein Buch und eine Welt, Schischkins Welt. Ein überraschendes und reiches Buch über zwei ungleiche Länder, über Byron und Tolstoi, Tell und Stalin, das Berner Oberland und Tschetschenien, Touristen, Flüchtlinge, Literaten, Terroristen, Denkmäler, Berge über Wandern und Leben, Tod und Literatur.

Für Auf den Spuren von Byron und Tolstoi (ursprünglich unter dem Titel Montreux–Missolunghi–Astapowo im Limmat Verlag erschienen) wurde er von der Stadt Zürich mit einem Werkjahr ausgezeichnet.

 

Rezensionen und Interviews

Russische Schatten im Land mit sieben Siegeln

Von Thomas Bürgisser. WOZ, Nr.38, 20.09.2012

“Tolstoi macht mich glücklich”. Ein Interview mit Michail Schischkin

Von Carmen Eller. Kulturaustausch.de, Ausgabe IV/2012

Montreux-Missolunghi-Astapowo von Michail Schischkin

Von Johannes-Geert Hagmann. “Literatour – Express”, 12.10.2007

Im Warteraum des Jüngsten Gerichts

Ein Interview mit Michail Schischkin von Manfred Papst. “NZZ am Sonntag”, 05.10.2003

Eine russische Sicht auf die Schweiz

Interview mit Michail Schischkin von Beat Kohler. Oberhasler/Brienzer/Echo/Jungfrau Zeitung, 15.08.2003

Helwetische Wegmarken

Von Jan Decker. “Die Berliner Literaturkritik”, 23.05.2003

Drei Russen für einen Schweizer

Von Hans-Peter Kunisch. “Süddeutsche Zeitung”, 12.03.2003

Mit fremden Augen

Von Ulrich M.Schmid. NZZ, 9.01.2003

Schreiben heisst Verschlingen

Von Christine Lötscher. “Tages-Anzeiger”, 13.12.2002

Die Erschaffung der Schweiz

Von Beatrice Eichmann-Leutenegger. “Der Bund”, 12.12.2002

Russische Verwandte

Von Hans Baumgartner. “P.S.-Bücher”, 5.12.2002

 

Auf den Spuren von Byron und Tolstoi: Russische Schatten im Land mit sieben Siegeln

Michail Schischkin unternimmt in einem neu aufgelegten Text eine Wanderung von Montreux nach Meiringen. Dabei begegnet er illustren Gestalten und blickt durch die “russische Brille” scharf auf das Land.

Von Thomas Bürgisser

WOZ, Nr. 38 – 20.09.2012

 

«Es ist ein frischer Morgen, das Tal randvoll mit Sonnenlicht überflutet, auf den Bergspitzen funkelnder Schnee, im Kopf spriessende Ideen, im Notebook über Jahre hinweg gesammelte und abgespeicherte Zitate, vor mir ein Weg, der wartet – was will man noch mehr?»

Beherzt bricht Michail Schischkin zu einer weiteren Etappe seiner «literarischen Wanderung» auf, die ihn 2001 während sieben Tagen von Montreux nach Meiringen führte. Auf 400 Seiten geleitet der russische Schriftsteller, der seit 1995 in der Schweiz lebt, seine LeserInnen vom Lac Léman über den Col de Jaman in die Täler von Sarine und Simme, mit dem Schiff über den Thunersee auf das Bödeli, der Lütschine entlang an den Staubbachfall. Von dort gehts über die Kleine und Grosse Scheidegg ins Haslital.

Das Buch, das nun im Rotpunktverlag erscheint, wurde bereits 2002 unter dem Titel Montreux–Missolunghi–Astapowo vom Limmat-Verlag herausgegeben. Der Text entstand unter Mitarbeit von Schischkins Frau, der Slawistin Franziska Stöcklin.

Wie der Titel der Neuauflage verrät, ist Michail Schischkins Wanderung eine Spurensuche. Er folgt den Fährten des britischen Dichters Lord Byron (1788–1824), Genius der Romantik, umjubelter Dandy und tragischer Held, sowie Leo Tolstois (1828–1910), des grossen russischen Romanciers, Moralisten und Zweiflers. Beide wanderten sie, Byron 1816 und Tolstoi 1857, auf demselben Weg wie Michail Schischkin vom Genfersee ins Berner Oberland. Beide waren sie damals 28 Jahre alt und in ihrer Seelenwelt zerrüttet. Sie standen an einem Wendepunkt in ihrem Leben, kehrten der Gesellschaft, die sie verachteten, den Rücken und suchten als «promeneurs solitaires» die Stille der Alpenwelt. Zahlreiche Zitate aus den Reisetagebüchern der beiden säumen als roter Faden Schischkins Wanderweg und inspirieren seine Gedanken.

Auch Byrons und Tolstois Pfade waren literarisch vorgespurt. Mit der Wanderung, die sie für ihre Suche nach Kontemplation auswählten, erwiesen beide dem Kultroman Julie ou La Nouvelle Héloïse die Reverenz. Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) pries darin die Erhabenheit und unberührte Natur der Schweizer Bergwelt. Durch ihre Routen und Texte verbindet Rousseau, Byron und Tolstoi deshalb ein magisches Band. So wie sich die Titelhelden auf wundersame Weise begegnen, ohne zur selben Zeit gelebt zu haben, kreuzen sich an den Stationen von Schischkins Wanderung immer wieder die Lebenswege europäischer Dichter und Denker, die über dieselben Steine gestiegen waren und dieselben Gipfel bestaunt hatten. Besonderes Gewicht legt Schischkin auf seine Landsleute, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Heerscharen als Kurgäste, Touristinnen und Exilanten in die Schweiz kamen: Nikolai Karamsin und Alexander Herzen, Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Wladimir Nabokow, Wassili Rosanow, Wladimir Iljitsch Lenin und viele mehr sinnierten in ihren Aufzeichnungen über Land und Leute. «Die Schweiz ist voll von russischen Schatten», schreibt Schischkin.

Immer wieder lässt er die Stimmen dieser Schatten zu Wort kommen, und durch die Rezitation und Reflexion ihrer Texte erschliesst er die Räume, die ihn umgeben. Brillant legt Schischkin so ein Netz aus literarischen und kulturhistorischen Verflechtungen über die schweizerischen Topografien, ein Verfahren, das er in Die russische Schweiz, seinem «literarisch-historischen Reiseführer» (2003 im Limmat-Verlag erschienen) ebenfalls aufnahm und ausbaute. Damit dokumentiert er nicht nur das reiche, heute kaum bekannte Feld russisch-schweizerischen Kulturaustauschs. Neben platten Klischees über helvetische Gemeinplätze birgt die Optik russischer Intellektueller auch viele ungewohnte und überraschende Einblicke in die Schweiz. Auch Schischkin selbst schreibt sich in diese Tradition ein. Sein durch die «russische Brille» geschärfter Blick verfremdet Alltägliches und Selbstverständliches und lässt es in neuem Licht erscheinen.

Mit einem klassischen Wanderbuch hat Schischkins Werk wenig gemein. Anstatt Marschdauer und Preislisten der Gaststätten aufzuschlüsseln, lässt der begnadete Erzähler seinen Geist durch die frische Bergluft schweifen, philosophiert – mal anekdotisch, mal tiefschürfend – über Dürrenmatt und Frisch, Tell und Napoleon, über Armee und Strafvollzug, Schule und Umwelt, Sexualität und Körperlichkeit, über die «russische Seele», den Umgang mit Geschichte, das Verhältnis von Individuum und Staat, über Macht, Mafia, Krieg und Politik, über das Böse, die Liebe und den Tod.

Und immer wieder thematisiert Schischkin die Sprache, das Schreiben, die Literatur. Der 1961 in Moskau geborene Schriftsteller packt auch viel Autobiografisches in seine Erzählungen. Zu diesem Leben gehört der ständige Vergleich zwischen Herkunftsland und Wahlheimat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit seinem – auch kritischen – Urteil schmeichelt der Russe der LeserInnenschaft bestimmt: «Die Schweiz ist ein Land mit sieben Siegeln», schreibt Schischkin, «genau wie Russland auch.»

„Tolstoi macht mich glücklich“. Ein Interview mit Michail Schischkin

Ein Gespräch mit dem Autor über russische Helden und seine Wahlheimat Schweiz

Von Carmen Eller

Kulturaustausch.de, Ausgabe IV/2012

 

Sie sind auf den Spuren von Lord Byron und Lew Tolstoi durch die Schweiz gewandert. Was verbindet Russen und Schweizer?

Beide glauben, dass Ausländer sie nicht verstehen können. Eine oder zwei Türen stehen noch für den Fremden offen, die anderen werden ihm vor der Nase zugeschlagen. Das war eine Herausforderung für mich, als ich in die Schweiz zog.

Nach zehn Jahren gibt es jetzt eine Neuauflage Ihres Wanderbuchs, das vor allem eine europäische Kulturgeschichte ist. Was hat sich seitdem verändert?

Hat sich die Welt in dieser Zeit verändert? Habe ich mich verändert? Haben sich die Schweiz und Russland verändert? Offensichtlich ja, aber diese Fragen sind nicht von Belang. Ich bin der Meinung, dass sich ein Buch immer mit dem Leser verändert. Der Leser macht das Buch. Auf den Spuren von Byron und Tolstoi ist eine Wanderung durch die Geschichte. Ich wollte die Schweiz, meine Wahlheimat, verstehen. Und verstehen heißt für mich schreiben.

Warum haben Sie sich gerade für Tolstois und Byrons Wege interessiert?

1816 wanderte Byron von Montreux ins Berner Oberland. Und 40 Jahre später wiederholte Tolstoi den gleichen Weg – ohne zu wissen, dass er auf den Spuren von Byron wanderte. Ich selbst habe mich mit meinem Laptop auf den Weg gemacht. Im 19. Jahrhundert haben sich in Russland alle Dichter an Byron gemessen. Er zeigt, dass die Person des Dichters wichtiger ist als der Staat, die Armee oder die Ideen des Vaterlandes.

Was bedeutet Ihnen Tolstoi?

Von allen russischen Autoren ist, war und bleibt Tolstoi für mich der wichtigste. Ich bewundere seine Ehrlichkeit sich selbst und der Welt gegenüber. Auf meinem Nachttisch liegt immer Krieg und Frieden. Es ist wie mit guter Musik. Wenn ich Rachmaninows unsterbliche Musik höre, werde ich in diesem Moment auch ein bisschen unsterblich. Genauso ist es mit Tolstoi. Wenn ich deprimiert bin oder schlechte Laune habe, öffne ich Krieg und Frieden. Tolstoi macht mich glücklich.

Sie schreiben in Ihrem Buch, in Russland gäbe es keine Tradition des Wanderns. Warum nicht?

Wenn du in Russland eine Stunde wanderst oder auch drei Tage, siehst du die gleiche Landschaft. Visuell gesehen macht das Wandern dort keinen Sinn. In der Schweiz dagegen wandert man eine halbe Stunde und sieht drei schöne Landschaften. Als die Mode des Wanderns Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts entstand, gingen auch die russischen Intellektuellen wandern – aber in Europa.

Wie Sie selbst!

Ja, in Russland ging ich nie wandern, aber in der Schweiz bin ich auf den Geschmack gekommen. Wenn ich jetzt einige Tage nicht wandere, fühle ich mich schlecht. Vielleicht kommt das mit dem Alter. Wenn man jung ist, braucht man Lärm, Ideenaustausch und viele Leute. Später will man Berge sehen, einen schönen Sonnenuntergang und möglichst mehr Murmeltiere als Menschen (lacht).

Sie schreiben in Ihrem Buch, jede Gesellschaft sei „durch unsichtbare Fäden verbunden“, die man erkennen müsse, um sich nicht in Gefahr zu begeben. Was ist in diesem Sinne typisch für die Schweiz?

Im Westen ist das Leben sehr auf den Menschen ausgerichtet. Alles soll bequem sein. Hier lernst du schnell, die Fäden zu ziehen. Wenn du die Regeln kennst und befolgst, kann dir nichts Schlimmes passieren. Problematisch wird es aber, wenn du nicht zu diesen Regeln passt. In der Schweiz fühle ich mich wie in einer Werkstatt.

Inwiefern?

Es gibt alle möglichen Werkzeuge, aber man muss wissen, was man damit machen will. Wenn du das nicht weißt, hast du ein Problem. Ich sehe das an meinem älteren Sohn Mischa, der 1988 noch in der Sowjetunion geboren wurde. Heute hat er alle Möglichkeiten, aber er weiß nicht, was er will. In meiner Jugend wusste ich ganz genau, was ich wollte: Schriftsteller werden und reisen. Aber ich durfte weder schreiben, was ich wollte, noch reisen.

Heute sind Sie ein Grenzgänger, seit 1995 leben Sie in der Schweiz. Welche Fauxpas können einem Russen dort passieren?

Da fällt mir eine Geschichte aus dem Herbst 1995 ein, die ich nie vergessen werde. Als ich mit meiner Familie spazieren ging, kamen uns im Wald plötzlich fünf Jugendliche entgegen. Sie waren im schlimmsten Alter – um die 16 Jahre – und wirkten aggressiv. In Russland wäre das eine gefährliche Situation. Ich dachte: Ich muss meine Familie verteidigen! Sie sind zu fünft, ich bin allein. Das Einzige, was ich tun kann, um einen Vorteil zu haben, ist, als Erster zuzuschlagen. Und als ich schon dazu bereit war, hörte ich plötzlich ein freundliches „Gruezi miteinand“!

 

             

Montreux-Missolunghi-Astapowo von Michail Schischkin

Von Johannes-Geert Hagmann

 “Literatour – Express”, 12.10.2007

 

Über die kulturelle Identität eines Landes wird häufig gestritten. Die Meinungen der Beteiligten in einer solchen Diskussion gehen oft weit auseinander. Ungleich schwieriger ist es unter diesen Bedingungen für einen Zugezogenen, ein Land und seine Lebensart für sich zu erschließen. Michail Schischkins im Herbst 2002 erschienenes Buch Montreux-Missolunghi-Astapowo lebt vom kulturellen Vergleich seiner Heimat Russland mit der Schweiz, in der der Autor seit 1995 unter anderem für die NZZ arbeitet. Entstanden ist, ausgehend von der geographischen Überschneidung zweier Schriftstellerbiographien im 19. Jahrhundert, ein erstaunliches Buch über die beiden Länder damals und heute. Immer wieder wechseln dabei kulturhistorische Schilderungen und persönliche Erinnerungen einander ab. Für Montreux-Missolunghi-Astapowo hat Michail Schischkin im Jahr 2002 eine literarische Auszeichnung der Stadt Zürich erhalten.

Zwei große Schriftsteller wanderten während ihrer Reisen in der Schweiz die gleiche Strecke von Montreux ins Berner Oberland: Byron im Jahre 1816, Tolstoi 1857. Michail Schischkin machte sich auf ihre Spuren und lief den Weg vom Ufer des Genfer Sees nach Meiringen in sieben Tagen. Anders als Tolstoi und Byron, die in Begleitung reisten, wanderte Schischkin alleine, mit dem Laptop im Gepäck, auf dem er eine Vielzahl von Texten und Zitaten zur frühen Reiseliteratur sowie biographische Aufzeichnungen gespeichert hatte.

Der Autor schildert die individuellen Lebensumstände, die die Schriftsteller dazu bewogen hatten, in die Schweiz zu reisen, und zitiert aus ihren Reisenotizen, denen er die Eindrücke seiner Wanderung meist kurz gegenüberstellt. Neben den kulturhistorischen Betrachtungen, die Schischkin sehr geschickt und kurzweilig miteinander verknüpft, führt der Autor auch längere Rückblenden auf sein eigenes Leben in Russland zur Zeit der Sowjetunion an. So erzählt er unter anderem von seinem Dienst wider willen in der sowjetischen Armee und vom Beginn seiner Tätigkeit als Lehrer zur Zeit der Perestrojka. Dabei verliert er jedoch nie den Bezug zu seiner Wanderung und zu den Lebensgeschichten Tolstois und Byrons.

Auch die Schweiz der heutigen Zeit spielt in Schischkins Bericht eine wichtige Rolle, so beschreibt er seine persönlichen Erfahrungen beim ersten Kontakt mit der Schweizer Arbeitswelt und einen Besuch eines Schweizer Gefängnisses. In einer von Turgenjews Gedicht Das Gespräch inspirierten fiktiven Unterhaltung, in der zweier Berner Oberlandberge zu Leben erwachen, findet sich unter vielen Schlagwörtern zum Status der Schweiz auch das fast schon obligatorische “La Suisse n’existe pas”. Bezogen auf das Bild des Landes in der Dichtung ist dies vielleicht richtig: Schischkin illustriert dies mit einer Reihe von Zitaten aus der russischen und europäischen Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. Offenbar gab es neben der realen Welt zu jeder Zeit auch eine “erdichtete Schweiz”, die ausschließlich die Idylle hervorhob und sehr selektiv mit der Wirklichkeit umging.

Der Umgang mit den biographischen Texten erfolgt stets sehr differenziert; das Buch endet mit einer Aufzählung der für die Übersetzung fremdsprachlicher Zitate verwendeten Ausgaben. Die wenigen Irrtümer in den Jahresdaten sind vermutlich auf Fehler beim Setzen zurückzuführen; so landet Nietzsche an einer Stelle kurzerhand im 18. Jahrhundert. Dennoch verblüfft das Buch auf jeder Seite; nicht nur, weil auch viele andere Namen in Anekdoten den Bericht kreuzen, so z.B. Goethe, Wordsworth, Karamsin, Herzen, Klee, Nabokov, Balthus und Frisch. Vielmehr ist es eine angenehme Überraschung, dass die Verbindung verschiedener literarischer Genres und der spontane Wechsel zwischen ihnen so reibungslos und harmonisch verläuft. Im Ergebnis ist ein ungewöhnlicher und oft auch nachdenklicher Streifzug durch die Geschichte und die Literatur der beiden Länder entstanden, der den Schriftstellerbiographien im klassischen Stil überdrüssigen Leser faszinieren wird.

 

Im Warteraum des Jüngsten Gerichts

Ein Interview mit Michail Schischkin

Von Manfred Papst

“NZZ am Sonntag”, 05.10.2003

 

Herr Schischkin, kennen Sie die Frankfurter Buchmesse, die am kommenden Mittwoch beginnt?

Ich habe sie besucht, als die Schweiz Gastland war, und ich finde, jeder Autor sollte sich ihr einmal aussetzen. Man wird dort so erniedrigt. Es wurde mir ganz klar, dass niemand meine oder irgendwelche anderen Bücher braucht. Wenn man das erlebt hat und danach trotzdem noch schreibt, hat man das Schlimmste überstanden.

Fahren Sie dieses Jahr also nicht hin?

Als Autor braucht man die Messe höchstens einmal, um sie dann beschreiben zu können. Die Verleger brauchen sie, um ihre Sachen zu verkaufen. Ich hatte die Wahl, nach Frankfurt zu gehen oder mit einem Stipendium in Schottland einen Monat lang an meinem Roman zu arbeiten. Ich musste nicht lange überlegen.

Obwohl Russland Gastland ist?

Es freut mich, dass das Interesse an der russischen Literatur durch die Messe geweckt wird. Schade ist, dass vor allem Autoren übersetzt und angepriesen werden, die eigentlich nicht die russische Literatur vertreten. Andrej Kurkow zum Beispiel, den ich persönlich sehr mag und der ganz gute Drehbücher liefert: Laut Diogenes ist er ein Jahrhundertautor, aber in Russland denkt das niemand.

Um welche russische Literatur geht es Ihnen denn?

Nicht um kommerzielle Autoren, sondern um jene, welche die Literatur bewegen. Man kann die Tradition mit einem Baum vergleichen. Die Wurzeln sind die christliche Kultur, die Bibel, die geschrieben wurde, bevor es eine russische Sprache gab. Dann kommt der Stamm: die klassische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, und dann die Krone, zu der unsere Zeit gehört. Die Stile verzweigen sich; man muss wissen, wohin man wachsen will und wo der Himmel ist. Für mich ist er in dem Zweig, wo erst Tschechov war, dann aus Tschechov Bunin entstand und aus Bunin Nabokov; dann Sokolov, der in den USA sitzt und nicht mehr schreibt.

Ist Ihr Ziel der literarische Fortschritt?

Man muss sich grosse Ziele setzen. Wenn man sich kleine Ziele setzt, wird man nicht viel erreichen. Meines ist vielleicht unerreichbar: Ich will die russische Literatur vorwärts bringen. Es spielt keine Rolle, ob um einen Kilometer oder um eine Ellbogenlänge. Aber es muss mein Ellbogen sein. Ich arbeite an jedem Roman mehrere Jahre mit aller Kraft. Das ist eine Arbeit, die einen völlig auslaugt. Man fällt danach in ein schwarzes Loch. Deshalb habe ich zwischen den Romanen Sachbücher geschrieben.

Was war der Anlass für Ihr neues Buch Die russische Schweiz?

Man kommt in ein fremdes Land und bleibt so lange fremd, bis man Freunde oder Verwandte findet. Ich ging in Gedanken versunken durch Zürich und sah plötzlich dieses Strassenschild: «Russenweg». Da wurde mir klar: Ich muss hier meine Verwandten suchen. Wie ein armer Neffe ging ich auf die Suche nach dem reichen Onkel, und so entdeckte ich die Spuren von Rachmaninow, Bunin, Tolstoi und Dostojewski. Ich hätte dieses Buch lieber nur gelesen als geschrieben, aber es existierte nicht, so musste ich es schreiben. Ich habe gemerkt: Ich muss meine eigene russische Schweiz aufbauen, um hier leben zu können, eine imaginäre Kolonie.

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?

Am Anfang war die Liebe. Franziska Stöcklin, meine Ehefrau und Übersetzerin, hat in Zürich Slawistik studiert und war dann vier Jahre in Moskau und St. Petersburg als Übersetzerin. Dort haben wir uns kennen gelernt und geheiratet. Eigentlich wollten wir in Russland bleiben. Wir sind nur in den Ferien hierher gekommen, und die Schweiz war für mich wie ein anderer Planet. Dann wurde Franziska schwanger, und mit dem Kind wollte sie in die Schweiz. Da wurde es ernst. Ich musste das Leben hier nicht bei null anfangen, sondern bei minus: Ich hatte eine Familie, aber keinen Beruf, kein Geld, nichts. Denn Schriftsteller – das ist kein Beruf, mit dem man Geld verdienen kann.

Auch in Russland nicht?

Dort erst recht nicht. Ich bin in Moskau inzwischen zwar ein recht bekannter Autor, aber ich konnte nie vom Schreiben leben. Als ich noch in Russland war, habe ich als Lehrer und Journalist gearbeitet. Und in den Zeiten des Umbruchs herrschte dort eine unglaubliche Dynamik. Man bewarb sich bei einem «Joint Venture», und schwupps war man Abteilungsleiter.

Und in der Schweiz?

Hier war es ganz anders. Ich habe mich überall als Russischlehrer beworben, hundert Briefe geschrieben und hundert Absagen bekommen. Eines Tages sass ich völlig deprimiert in der S-Bahn. Ich sagte mir, nur mein russischer Gott kann mir noch helfen. Und ich habe ihm gesagt, du musst mir ein Zeichen geben. Mir gegenüber auf dem Sitz lag eine Zeitung. Ich schlug sie auf und las ein Inserat. Eine Firma suchte Leute, die exotische Sprachen beherrschen. Ich habe mich beworben und meinen ersten Schweizer Job bekommen.

Hat er Ihnen gefallen?

Erst war ich begeistert und froh, so zu sein wie alle andern. Früher wollte ich – wie jeder Dichter – immer ganz anders sein, und hier in der Schweiz habe ich plötzlich solche Sehnsucht, so zu sein wie alle anderen. Mein Arbeitgeber war ein Wirtschaftsauskunfts- und Inkassounternehmen, international, eine renommierte Schweizer Firma; erst allmählich habe ich verstanden, was die Leute machten und dass es ein grosser Schwindel war.

Wovon leben Sie heute?

Vor allem von Übersetzungen. Ich arbeite zum Beispiel für die Kantonspolizei Zürich und für die Bezirksanwaltschaft. Ich übersetze Befragungen von Asylsuchenden. Die lukrativeren Aufträge habe ich mir durch meinen Beruf als Schriftsteller verscherzt. Sie bestehen etwa darin, einen Russen nach Liechtenstein zu begleiten, weil er dort ein Konto eröffnen will. Aber die Büros, die solche Jobs vergeben, haben erfahren, dass ich Romancier bin, und dann war sofort Schluss.

Bringt Ihnen die Arbeit als Übersetzer etwas für Ihre Schriftstellerei?

Wenn ich nach Moskau komme, fragen mich meine Freunde, ob mir in der langweiligen Schweiz nicht die Stoffe fehlen. Sie stellen sich vor, dass es hier nur Blümchen und Seen und schöne Berge gibt, während die ganze Spannung in Moskau ist. Dass stimmt zwar auch, aber durch meine Arbeit nehme ich an bewegten, oft erschütternden Schicksalen teil.

War Schreiben schon immer Ihr Traum?

Ja. Meinen ersten Roman habe ich mit neun Jahren geschrieben. Ich habe ein Blatt aus dem Schulheft genommen, die Überschrift «Roman» darauf gesetzt und die erste Seite gefüllt. Als meine Mutter sie sah, lächelte sie anfangs, dann wurde sie rot vor Zorn und sagte: «Mischa, man muss nur über Sachen schreiben, von denen man etwas versteht.» Ich hatte über die Scheidung meiner Eltern geschrieben, die gerade im Gang war.

Bleiben Sie weiterhin in der Schweiz?

Ich kenne die Welt gar nicht. Ich kenne eigentlich nur Russland und die Schweiz. Und das Leben ist so kurz. Nächstes Jahr werde ich einige Monate in Frankreich verbringen. Obwohl das Reisen eigentlich gar keine so grosse Rolle mehr spielt, seit es möglich ist. Ist man eingeschlossen, ist die Idee viel wichtiger.

Autoren wie Conrad, Beckett und Nabokov haben im Ausland begonnen, in einer anderen Sprache zu schreiben. Könnten Sie sich das auch vorstellen?

Nein. Ich kann nur in meiner Muttersprache schreiben. Bei Nabokov war die Situation anders, weil er kein russisches Publikum mehr hatte und doch seine Leser finden wollte. Ich aber habe meine Leser in Russland.

Haben Sie Heimweh?

Manchmal. Ich habe einen Sohn aus erster Ehe, der immer hierhin in die Ferien kommt. Dann sind mein schweizerischer Sohn und mein russischer Sohn zusammen. Sie sprechen russisch miteinander. Und zum Glück gibt es E-Mail und Internet.

Vermissen Sie die Moskauer Literaturszene?

Wenn man aus seiner Sprache fällt, erstickt man – oder man beginnt darüber nachzudenken, was die Sprache ist. Was habe ich verlassen, was hat mich verlassen? Und da stellt sich heraus: Die Gegenwartssprache ist wie ein Ölfleck auf dem Ozean. Der Ozean bleibt. Mir half die Übersiedlung in die Schweiz, tiefer in die russische Sprache einzutauchen. Ich habe mit ihren verschiedenen Schichten gearbeitet. Deshalb ist der «Ismail»- Roman auch so schwer zu übersetzen.

Wo sehen Sie den Hauptunterschied zwischen der Schweiz und Russland?

Hier ist alles gesetzlich geregelt, und im Mittelpunkt stehen die Rechte des Schwachen. Die sprichwörtliche Frau mit dem Kinderwagen auf dem Fussgängerstreifen. In Russland gilt nur das Gesetz des Stärkeren. Die Kultur kommt aus dem Gefängnis; der Stärkste bekommt die beste Pritsche.

Kommt Ihnen die Schweiz immer noch idyllisch vor?

Es ist komplizierter. Ich lerne die Schweiz nur langsam kennen. Meine beiden Bücher über sie haben mir dabei geholfen. Als ich Die russische Schweiz schrieb, entdeckte ich, dass keiner der russischen Autoren, die hier waren, die Schweiz wirklich gesehen hat. Sie haben sie nur als Spiegel benutzt. Da ich aber mit meiner Familie hier lebe, muss ich versuchen, das Land wirklich zu begreifen.

Wie kamen Sie auf die Idee von Montreux, Missolunghi, Astapowo?

Es ist ein Wanderbuch, denn die Schweiz ist ein klassisches Wanderland. Im Jahr 1816 machte Byron eine Wanderung von Montreux ins Berner Oberland, vierzig Jahre nach ihm ging Tolstoi die gleiche Strecke, ohne es zu wissen, und beide haben Tagebücher hinterlassen. Also wiederholte ich mit meinem Laptop diese Wanderung. Ich ging sieben Tage, und es entstanden sieben Kapitel. Ich vertiefte mich in die Schweizer Geschichte. Dann und wann öffnete sich eine Tür, bald aber stand ich vor der nächsten, die verschlossen war. Allmählich wurde das Ziel unwichtig. Aber um das zu realisieren, musste ich das Buch schreiben. Wichtig ist, dass wir alle nackt im Warteraum des Jüngsten Gerichts sind, und dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Land du bist und welche Sprache du sprichst.

Wie sehen Sie Putins Russland?

In Russland gab es keine Geschichtsbewältigung wie in Europa. Die meisten Leute in Russland empfinden den Umbruch nicht als Sieg der Demokratie, sondern als Niederlage im Kampf gegen den Westen. Als die Wende kam, habe ich als Lehrer sechs Jahre lang mit Kindern gearbeitet. Ich habe alles gegeben, damit die neue russische Generation anders wird. Aber meinen Versuch, im Klassenzimmer Demokratie einzuführen, verstanden die Kinder als schwache Diktatur. Ich scheiterte. Und was gegenwärtig in Russland passiert, ist die Auferstehung des Imperiums.

Was genau meinen Sie damit?

Das Imperium ist in jedem Einzelnen. Man kann die Russen mit einem Puzzle vergleichen. Jeder ist ein Teilchen mit eigener Form und Farbe, aber wenn alle zusammenkommen, entsteht immer das gleiche Bild, und dieses Bild heisst Imperium. Auch die Kirche gehört heute zu ihm. Für mich war sie echt und wichtig, solange sie unterdrückt war. Heute beobachte ich den alten russischen Grössenwahn. Auch der Antisemitismus ist auferstanden. Es ist alles wieder da.

Für wen schreiben Sie?

Es wird immer zehn Leute geben, die einen lesen und sagen: Dein Roman hat die russische Literatur gerettet, und es werden immer hundert oder tausend sein, die das Buch überhaupt nicht lesen oder es miserabel finden werden. Deshalb muss man bis über die Grenze seiner Möglichkeiten gehen und nur daran denken, dass jedes Wort auf jenem letzten Gericht zu Protokoll gegeben wird.

 

Eine Russische Sicht auf die Schweiz

Michail Schischkin liest heute im Alten Amtshaus

Interview von Beat Kohler

“Oberhasler/Brienzer/Echo/Jungfrau Zeitung”, 15.08.2003

Im Rahmen der aquArt im Alten Amtshaus wird heute Freitag um 21.00 Michail Schischkin aus seinem Buch Montreux -Missolughi – Astapowo. Eine literarische Wanderung vom Genfersee ins Berner Oberland lesen.

Michail Schischkin lebt seit dem Jahre 1995 in der Schweiz. Hier ist sein Sohn auf die Welt gekommen. „Ohne das Land zu verstehen, wo man lebt, kann man ja gar nicht leben. Verstehen heisst schreiben“, meint Schischkin. Deshalb wollte er sich unbedingt mit der Schweiz in einem Buch auseinandersetzen. Die Form eines Wanderbuches kam sofort: die Schweiz ist für ihn ein klassisches Wanderland. Im Jahre 1816 machte Lord Byron eine Wanderung von Montreux ins Berner Oberland, im Jahre 1857 nahm den gleichen Weg Tolstoi. Beide haben Tagebücher hinterlassen, in denen sie von ihren Eindrücken erzählen. „Da blieb mir nichts übrig, als mich mit meinem Laptop auf den Weg zu machen“, erzählt Schischkin. Seine Wanderung dauerte sieben Tage und so entstanden sieben Kapitel – die Schöpfung seiner Schweiz.

 

Was gab für Sie den Anstoss zu diesem Buch?

Ich habe viele Fragen an die Welt. Und in diesem Buch begebe ich mich auf die Suche nach Antworten. Die Fragen sind einfach: Was ist eigentlich Wandern? Was ist Russland? Was ist die Schweiz? Lebe ich im Paradies, in einem Ausnahmefall oder in einem perfekt organisierten potemkischen Dorf? Was ist die Liebe? Was ist das Schreiben? Was ist der Tod? Es gibt so viele einfachen Fragen…

Mit den Antworten steht es nicht so einfach. Ich auf alle Fälle habe keine. Aber ich habe meine Geschichten. Das Wandern vermischt die Landschaft mit der Vergangenheit, die Literatur mit der Realität, die Verstorbenen mit den Lebenden. Sogar die Geographie geht durcheinander und plötzlich liegt Tschetscheien im Lütschina-Tal.

Das Buch ist aber mehr als ein einfacher Wanderbericht.

Die Hauptfiguren dieses Buche sind Tolstoi und Byron, Hegel und Balthus, Rousseau und Karamsin, deutsche Dichter und russische Terroristen, welche in Interlaken ihre Attentate verübten, meine verstorbenen Eltern und die Leute, denen ich auf meiner Wanderung begegne, Russland und die Schweiz, ja sogar Schweizer Berge: einst schrieb Turgenew ein Gedicht in Prosa, in welchem doe Berge im Oberland miteinander sprechen. Ich führe diese literarische Tradition weiter, indem ich Mönch und Jungfrau über eine Schweizer Identität diskutieren lasse.

Was ist für Sie die Schweizer Identität?

Wenn ich mich mit der berühmten provokativen Behauptung Dürrenmatts, die Schweiz sei ein Gefängnis und so weiter, auseinandersetze, kann ich nicht umhin, über meine Besuche in einem russischen Gefängnis, wo mein Bruder weilte, sowie über meinen Besuch in einer Schweizer Strafanstalt zu erzählen. Das ist ein Buch über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, über die Überwindung aller Grenzen durch die Literatur. Der Tod ist auch nur eine Grenze, nicht mehr und nicht weniger. Und alle Grenzen liegen da, wo du wanderst. Ein Wanderweg zwischen Staubbach und Trümmelbach verbindet nicht nur zwei Wasserfälle, sondern zwei Ewigkeiten – vor dir und danach.

Über welche Grenzen hat diese Wanderung Sie persönlich geführt?

Meine Wanderung durch Grindelwald und Meiringen führt mich zu jener Osternacht in Moskau, als mein „Schweizer“ Sohn gezeugt wurde, weil diese Welt zu klein ist, um sie noch durch Grenzen in Russland und die Schweiz zu trennen, und weil das Leben zu kurz ist, um es in die Vergangenheit und die Zukunft zu teilen.

Worauf werden Sie bei Ihrer Lesung in Interlaken speziell eingehen?

In meiner Lesung beschäftige ich mich mit der russischen Sicht auf die Schweiz. Der Titel meines Essays heisst: „An der russisch-schweizerischen Grenze“. Hier eine kurze Kostprobe: „Paradies und Langeweile. Zwischen diesen beiden Polen liegt eine Welt, die irgendwie sonderbar anmutet.

Der russische Reisende schüttelt verwundert den Kopf: Es gibt keine weiten Ebenen, dafür Berge, nur wenig Land, aber Milch in Hülle und Fülle. Die Straßen werden auch sauber gehalten, ohne dass der Vorgesetzte sich bemerkbar machen muss. Der Nationalheld ist ein Mörder, die Bürger des Landes aber fügen sich willig den Gesetzen. Jahr für Jahr werden Steuern gezahlt, vor der Regierung zittert man nicht, man lebt nicht von einem Krieg zum andern.

Was ist das eigentlich, die Schweiz? Das lebendig gewordene Schaufenster eines Spielzeugladens? Ein Set von Ansichtskarten anstelle einer Landschaft? Hörigkeit vor selbst fabrizierten Gesetzen? Die heilige Sicherheit des Großvaters, dass sein Stückchen Wiese einmal seinem Enkel gehören wird? Ein Staat, der nach Gogols Mantel zusammengeschneidert ist? Über Generationen hinweg angehäufte Arbeit, vor der alle Revolutionen und Ideen ohnmächtig sind? Ein umgestülptes Russland?“

 

Helwetische Wegmarken

Eine literarische Wanderung

Von Jan Decker

“Die Berliner Literaturkritik”, 23.05.2003

 

Michail Schischkin folgt in diesem lesenswerten Stück Reiseliteratur den Spuren von Lord Byron und Leo Tolstoi durchs Berner Oberland. Dabei gerät ihm die Studie über einen der berühmtesten Wanderwege der Schweiz zu einem ganz großen Essay über die Brüche in Europas Geschichte.

William Wordsworth nahm ihn, Alphonse de Lamartine ging ihn nach, Goethe und Schopenhauer wanderten ihn ab: Der Wanderweg vom Genfersee ins Berner Oberland, von Montreux nach Meiringen, ist einer der berühmtesten der Weltliteratur. Fast muss man jene Dichter aufzählen, die nicht an einen der idyllischen Wegpunkte Halt machten. So sind Orte wie Montbovon, Saanen, Oberwil, Interlaken, Unspunnen und Scheidegg längst ins literarische Gedächtnis eingeschrieben.

Der in der Schweiz lebende russische Dichter (heite sagt man besser: Schriftsteller) Michail Schischkin wählt für seine Beschreibung dieses famosen Gangs durchs Berner Oberland zwei auf den ersten Blick grundverschiedene Protagonisten, Lord Byron and Leo Tolstoi. Anhand ihrer Beschreibung der Route, der Notiz- und Tagebüchern folgend, geht er den Weg nach Meiringen doppelt nach:

Zunächst einmal begibt sich Michail Schischkin wirklich an jene Orte und speichert seinen gegenwärtigen Eindruck mit dem Laptop ab, was zu einer nicht immer störungsfreien Auseinandersetzung mit der Gegenwarts-Schweiz führt. Und dann begleitet er die beiden Dichter auf einer bedeutenden Station in ihren Leben, schildert ihr Herkommen ins Oberland und ihr Weiterkommen.

Das Leben des Lord Byron endete 37-jährig im griechischen Befreiungskrieg gegen die Türkei. In diesem Alter würde er sterben, hatte ihm eine Weissagerin einst prophezeit; und fast scheint es, der wagemutige Lord tat das seinige, die Weissagung wahr zu machen. Doch nicht wie erhofft, in der Schlacht fiel er, sondern ein Nervenleiden raffte ihn am Schicksalsort hinweg – und der hieß eben Missolunghi.

Ganz anders kam Tolstois Ende: Er starb im hohen Alter und schon zu Beginn eines neuen, des 20, Jahrhunderts. Zeit seines Lebens hatte er mit inneren Dämonen gerungen und fieberhaft nach der Möglichkeit des guten Lebens schlechthin, die eine gute Vorbereitung auf das Sterben sein sollte, gesucht. Nun, hochbetagt, verließ er eines Morgens, noch im Grauen, heimlich sein Gut Jasnaja Poljana. Wollte fortan als armer Mann von Stadt zu Stadt ziehen und die vom ihm gepredigte Bedürfnislosigkeit radikal leben.

Nicht wie Byron hatte er vor, sein geweihtes Leben mit einem Heldentod zu krönen. Gegensätzichere Typen lassen sich schwer denken. Tolstois Missolunghi hieß Astapowo; im Stationshäuschen der kleinen Stadt im russischen Nirgendwo erlag er einem Altersfieber. Montreux-Missolunghi-Astapowo: mit diesen drei Wegmarken spannt Michail Schischkin einen weiten Bogen durch die Europäische Literatur und die Leben zweier ihrer herausragenden Vertreter. Zu weit für 300 Seiten?

Mitnichten. Denn in bewundernswerter Leichtigkeit erzählt Schischkin nicht nur die Geschichte dieser drei Orte im Hinblick auf Tolstoi und Byron. Nebenbei flechten sich weitere Themen ein: Die Geschichte der Schweiz und ihrer literarischen Erschließung, gespiegelt mit scharfen Impressionen der heutigen Schweiz; Russlands ewige Rolle als Schicksalsmacht; Schischkins eigene Vita zwischen Kommunismus und helvetischer Demokratie.

Und wie sich auf einer Wanderung momenthaft Ausblicke eröffnen, eröffnet die Wanderbeschreibung des russischen Schriftstellers Ausblicke. Denen man gerne in Ruhe weiter nachgehen möchte. Rousseau und Puschkin, Nabokov, Karamsin, Schlegel, und natürlich Goethe: Michail Schischkin springt als beredter Wanderer über die Lessteine europäischer Kulturgeschichte, und es ist ein Genuss, seiner Spur zu folgen.

Zur Ausgabe sei so viel gesagt: Man hätte sich vielleicht einen größeren Schriftgrad gewünscht, die schmal gesetzten Buchstaben sicnd nicht unbedingt leserfreundlich. Leserfreundlich ist auf jeden Fall die kompetente Übersetzung von Franziska Stöcklin aus dem Russischen; sie nimmt dem Text Schischkins nichts von seiner flaneurhaften Eleganz. Denn dass der Autor sich in vorliegendem Buch als ein Flaneur der Meisterklasse erweist. Macht diese Wanderung durchs Berner Oberland zu einer auf jeder Seite unterhaltsamen (Lese-)Reise.

 

Drei Russen für einen Schweizer

Michail Schischkin wandert Tolstoi und Byron hinterher

Von Hans-Peter Kunisch

“Süddeutsche Zeitung”, 12.03.2003

 

Das Wandern ist ziemlich verkommen, zur ruhigen Volksgesundheits- und Freizeitveranstaltung. Lange galt es als aufregendes Selbsterfahrungs-Abenteuer für junge Adlige und Bürger. Neben Italien waren seit dem 18. Jahrhundert die Alpenpfade Mode: Fort aus den eigenen Städtem hieß es, allein.

Michail Schischkin ist 1961 in Moskau geboren. Für seinen zweiten Roman Die Eroberung von Ismail erhielt er den russischen Booker-Preis, und vielleicht muss man in dieser Generation Russe sein, um mit beträchtlichem Enthusiasmus und philosophischem Staunen „auf literarischen Spuren“ durch die Schweiz zu wandern. Allerdings: Schischkin hat sich für sein romandickes Werk einen ungewöhnlichen Wegweiser ausgesucht: Tolstoi und Byron. Beide haben zu verschiedenen Zeiten dieselbe Wanderung unternommen: vom Genfersee bis ins Berner Oberland, Schischkin tut es ihnen gleich – in sieben Tagen.

In Russland wird kaum gewandert. Weil, so Schischkin, die Natur nicht eben dazu einlädt. Über hunderte von Kilometern lockt dieselbe Szenerie: Ebene, Wälder. Aber auch die variantenreichere Seen-Berg-Natur beschäftigt den Autor wenig. Schischkins Beobachtungen gehen in dieser Hinsicht selten über touristische Impressionen hinaus. Er wandert nicht eigentlich von Montreux bis ins „lichtdurchflutete Simmental“, viel eher begeht er Kultur-Beziehungen, Thema sind die immer wieder Überraschenden Wege zwischen Ost und West.

Adam Olearius, der deutsche Universalgelehrte, Reiseschriftsteller und politische Gesandte aus Aschersleben, soll in seiner Moscowitschen und Persischen Reise (1647) die „russische Seele“ erst erfunden haben, und auch die dortige Literatur war lange unbekannt. Bis in der Romantik fast jeder russische Schriftsteller aus fremden Sprachen übersetzte und den eigenen Anschluss feierte. Einer der meist bewunderten Ausländer war Byron, dessen Lebenskunst-Gesamtwerk schon beliebt war, als noch wenige Russen Englisch konnten, es gab französische Übersetzungen.

Jahrzehnte später drehte sich, mit Tolstoi als Zentralfigur, das Rad. Flaubert schrieb, er habe aufgeschrien, als er Krieg und Frieden las, Thomas Mann bezeichnete Jasnaja Poljana als einen „Gnadenort von Weltanziehungskraft“. Manchmal geraten Schischkin seine kulturhistorischen Betrachtungen etwas lang, doch das unkoventionelle Buch ist von der schönen Freiheit eigener Interessen geprägt. Und kommt dabei, über Schischkins Moskauer Biografie als Sohn nicht systemkonformer Intellektueller, immer wieder in der Gegenwart an.

In ihr lebt Montreux, Missolunghi, Astapowo, das Buch eines Wanderers mit Notebook auf dem Rücken, nicht schlecjt von der Unvereinbarkeit der verglichenen Gesellschaften: Russland vs. Schweiz, Chaos vs. Ordnung, Wildnis vs. Zivilisation. Das dem nicht immer so war, erfährt man aus Rosanows Reisebericht: „Die Gesichter sind fröhlich und ihre Gesundheit so so, dass es drei Russen bräuchte, um aus ihnen einen Schweizer zu machen. In Genf, in der öffentlichen Badeanstalt, war ich erschroken ob der Rücken, der Brüste, der Schultern der Männer, und konnte nicht umhin zu denken. Dass diesen Schecken jede Frau fühlen muss, der sich ein solcher menschenförmiger Büffel nähert.“

 

Mit fremden Augen

Michail Schischkins schweizerisch-russische Erkundungen

Von Ulrich M.Schmid

NZZ, 9.01.2003

 

Im 20. Jahrhundert war die Schweiz ein literarisches Thema von höchster Relevanz: Die Romane von Frisch und Dürrenmatt sind ohne ihren helvetischen Hintergrund undenkbar. Die unspektakuläre Tyrannei der Durchschnittlichkeit gönnte allerdings ihren beiden Chronisten nicht einmal die Altersmilde: Noch in den letzten Lebensjahren wetterten Frisch und Dürrenmatt wie ergraute Aktivisten gegen das „Gefängnis Schweiz“ mit seiner „bourgeoisen Wachmannschaft“. Der anschwellende Bockgesang der zornigen alten Männer stiess indes bei der Leserschaft eher auf laues Interesse: Die Intellektuellen Flügelkämpfe hatten ihre Breitenwirkung längst eingebüsst. Man befand sich am Anfang eines Zeitalters, in dem die Leute nicht mehr für politische Inhalte auf die Strasse gehen, sondern nur noch für die zuckenden Leiber der Street Parade oder die geschniegelten Beaus einer siegreichen Fussballmannschaft. Folgerichtig begann auch die nachfolgende Generation von Schweizer Autoren die Finger vom Thema „Heimat“ zu lassen. Das H-Wort wurde Tabu, man schrieb über Familiendesaster, über seelische Verletzungen, über impressionistisch wechselnde Stimmungslagen, nicht aber über die „condition suisse“.

Ein geheimer Konsens unter Schriftstellern befand die Schweiz für überwunden, für uninteressant, für überflüssig – kurz: für beschrieben. Wenn es neuerdings jemand wagt, dieses Thema aus der Rumpelkammer der literarischen Stoffe hervorzugrübeln, so muss er eine gültige Legitimation vorweisen. Michail Schischkin (geb. 1961) verfügt über eine solche Ermächtigung: 1995 zog er mit seiner Schweizer Frau von Moskau nach Zürich und fand sich in einer fremden Welt wieder. Schritt auf Tritt stiess er auf Merkwürdigkeiten, die er in Texte verwandelte. Bereits 2000 hatte Schischkin einen „literarisch-historischen Reiseführer“ durch die „russische Schweiz“ publiziert, in dem er seinen Lesern und sich selbst die Geschichte der russischen Präsenz in der Alpenrepublik erzählt. Sein neustes Buch Montreux-Missolunghu-Astapowo vollzieht die Aneignung der fremden Kultur auch genremässig; es beschreibt vordergründig eine Wanderung vom Genfersee ins Berner Oberland.

Schischkin wandert dabei auf den Spuren von zwei illustren Vorgängern: Byron legte diese Strecke im Jahr 1816, Tolstoi im Jahr 1857 zurück. Der besondere Reiz von Schischkins Buch liegt allerdings nicht in der Schilderung von Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten. Seine Wanderung ist in erster Linie eine intellektuelle: Die einzelnen Wegstrecken werden gefüllt mit Überlegungen zum kulturellen Kontrast zwischen Russland und der Schweiz. Dabei vollzieht das Buch immer neue Metamorphosen, seine Gattung und sein Stil verändern sich mit jeder neuen Station, die der Wanderer erreicht. Es gelingt Schischkin immer wieder, Selbstverständliches in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Bisweilen genügt ein Satz: „Nie werde ich meinen ersten Schweizer Soldaten vergessen, dem ich in einem Tram begegnete: mit einem Schwänzchen im Nacken, einem Ring in der Nase und einem Sturmgewehr.“

Manche dieser Flashlights weiten sich zu eigenen Essays aus, in denen Schischkin sich elegant und gleichzeitig tiefgründig mit den verschiedensten Themen beschäftigt: Das gegenseitige Nichtverstehen von Schweizern und Russen wird verständlich aufgrund des unterschiedlichen Verhältnisses zu Gewalt, Denkmälern, Gefängnissen und zum Tod. Schischkins Buch führt das Ende des Lebens sogar im Titel: Byron starb als griechischer Freiheitskämpfer in Missolunghi, Tolstoi als Bettelmönch in Astapowo – beide Autoren tauchten gewissermassen in jene literarische Welt ein, die sie selbst geschaffen hatten, und bestimmten dadurch die Bedingungen ihres Todes selbst. Ähnliches diagnostiziert Schischkin auch für die Schweiz sebst: Wirklichkeit und Mythos sind ununterscheidbar geworden. Letztlich spielt es gar keine Rolle mehr, ob es sich bei einem bestimmten Kulturmerkmal um ein Urteil oder ein Vorurteil handelt: Beides wirkt für die Schweiz in gleichem Mass identitätsstiftend.

Schischkin hätte das Verhältnis zwischen Russland und der Schweiz als unüberbrückbare Kluft darstellen können – Fakten für ein solches Fazit führt er genügend an. Es gehört aber zu den besonderen Qualitäten dieses Wanderbuchs, dass Schischkin seinen Bericht nicht mit diesem banalen – und vermutlich auch nicht zutreffenden – Schluss enden lässt. Den kulturellen Klischees hält Schischkin das absolute Intime entgegen: Das letzte Kapitel erzählt von der Zeugung eines Kindes, dass einen russischen Vater und eine Schweizer Mutter hat. Schischkins eigener Sohn wird so zum Kronzeugen einer kulturübergreifenden Wahrheit, die im Spannungsheld zwischen Montreux, Missolunghi und Astapowo angesiedelt ist.

 

Schreiben heisst Verschlingen

In Russland ist Michail Schischkin berühmt, in seiner Wahlheimat Zürich aber noch ein Geheimtipp. Heute wird er mit einem Werkjahr der Stadt ausgezeichnet.

Von Christine Lötscher

“Tages-Anzeiger”, 13.12.2002

 

„Die tief hängenden Wolken haben den Bergen den Schopf abrasiert, die Savoyer Alpen zeigen nur ihre Rümpfe und die breitsohligen Füsse. Über den See wandern Streifen, als liesse jemand seinen Finger über ihn gleiten. Es ergeben sich Buchstaben, irgendeine Botschaft in einer mir unbekannten Schrift. Aber man sollte ja fremde Briefe auch nicht lesen.“ Fremde Tagebücher auch nicht – es sei denn, sie stammen von Schriftstellern, von Byron und Tolstoi, zum Beispiel, und waren von Anfang an für fremde Augen bestimmt. Bevor Michail Schischkin für sein Buch Montreux-Missolunghi-Astapowo aufgebrochen ist, hat er alles gelesen, was die beiden grossen Wanderer Byron und Tolstoi über ihre Erlebnisse unterwegs geschrieben haben.

Schischkin, der Eindruck bestätigt sich auch im Gespräch, ist in einer Art belesen, wie es selbst bei Schriftstellern selten ist. Er sammelt wie ein Wissenschaftler: alles, was er über die Wanderung von Montreux nach Meiringen finden konnte, hatte er in seinem Notebook erfasst. Über die Schweiz weiss er so viel, dass der zuständige Einbürgerungsbeamte aus dem Staunen nicht mehr herauskam.

Was Schischkin literarisch mit seinem Wissen anstellt, hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Die Texte und Autoren, über die er schreibt, sind nämlich nicht nur auf der Festplatte des Computers gespeichert, sondern sie haben sich tief in Schischkins Gedankenwelt eingenistet; so tief, dass er George Steiners Ideal des von Büchern bewohnten Menschen entspricht. So kommt es, dass die mitunter kühn anmutende und typisch schischkinsche Verbindung von literarischer Tradition, Autobiographischem, Historischem und Politischen sich vollkommen organisch liest. Montreux-Missolunghi – Astapowo ist weniger ein Wanderbuch als eine Landkarte des menschlichen Denkens.

Obwohl man kein anderes von Schischkins insgesamt vier Büchern auf Deutsch lesen kann – nicht einmal den mit dem russischen Booker-Prize ausgezeichneten Roman Die Eroberung von Ismail (2000) -, spürt man seinen literarischen Stil und seine Poetik auch im Wanderbuch deutlich genug. Auf wenigen Seiten kommt Schischkin vollkommen organisch von Nabokovs Tolstoi-Verehrung zu den Fresken der Gstaader Kirche und zur Schweizer Armee, um schliesslich bei der Geschichte seiner sowjetischen Militärerfahrungen zu landen. Dabei taucht er von einem Diskurs in den anderen; erst schreibt er wie ein reisender Russe, der über die merkwürdigen Schweizer staunt, und schliesslich wie ein wunderbarer Erzähler, nach allen Regeln der Kunst.

Durch den ständigen Wechsel der Register verwischt er die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Zürich und Moskau. Wo die Grenzen wegfallen, strömt alles aufeinander zu, sodass aus dem Chaos etwas Neues entstehen kann – und das macht die Lektüre des Buches auf eine ganz ungewohnte Art aufregend und lustvoll. Am kompromisslosesten läuft die Welt und alles, was sie auseinander reisst, im Schlusskapitel des Buches zusammen, wo Schischkin den Krieg in Tschetschenien fugenartig mit der Osternacht in Moskau zusammenführt, der Nacht der Auferstehung. In der ein Kind – Schischkins Sohn – gezeugt wird. „Schreiben“, heisst es an einer anderen Stelle im Buch. „ist ein Verschlingen von all dem, was einen umgibt, der Vergangenheit, der nahen Menschen, der Stadt, des Windes, des Todes.“

Als Kartograf von Ländern, die sehr real sind, die es aber nicht gibt, hat sich Michail Schischkin bereits in einem dicken Buch verdient gemacht, das im Herbst 2003 auch auf Deutsch vorliegen wird: Die russische Schweiz heisst das Land, das es für ihn zu entdecken galt, als er 1995 mit seiner Schweizer Frau und dem kleinen Sohn hierher übersiedelte. Das Wanderbuch ist das Resultat von Schischkins zweiter Phase der Auseinandersetzung mit der Schweiz – ein Buch übrigens, ds er zwar auf Russische geschrieben hat, das aber nie im Original erscheinen wird.

Schischkins ethnografische Exkurse über die Schweiz, die zu den originellsten Stellen im Buch gehören, würden Leser in Moskau oder Astapowo mit einem Schulterzucken quittieren. Wir dagegen erfahren viel über unsere blinden Flecken; Dinge, wie Schischkin sagt, die jedem Touristen sofort ins Auge stechen. Zum Beispiel, dass es kaum Denkmäler gibt in der Schweiz und dass die Schweizer in einer fröhlichen Ahnungslosigkeit über ihre eigene Geschichte leben – und noch stolz darauf sind. „Auch in Russland hat natürlich pauschal gesehen kaum jemand gründliche Geschichtskenntnisse“, schreibt Schischkin, doch: „Dort schämt man sich dafür, versucht es zu verbergen und zu vertuschen, hier hingegen, offenbar nicht. Ich erhielt den Eindruck, dass sich die Schweizer eher genieren, die Geschichte ihres eigenen Landes gründlich zu kennen.“ Schischkin beschreibt, wie sein Bild der Schweiz immer differenzierter, aber auch immer komplizierter wird, je besser er sie kennt.

Die Erschaffung der Schweiz

Vom Genfersee ins Berner Oberland: Michail Schischkin wandert auf den Spuren von Byron und Tolstoi

Michail Schischkin wirft einen fremden Blick auf die Schweiz und überrascht mit einer Fülle von AperÇus und Gedankenverbindungen. Seine literarische Wanderung ist Literatur-, Kultur,- und Landschaftsgeschichte in einem.

Von Beatrice Eichmann-Leutenegger

“Der Bund”, 12.12.2002

 

Wer es noch nicht gewusst hat, weiss es jetzt unumstösslich: Auch bei der Erschaffung der Schweiz stand am Anfang das Wort. Es waren Reisebeschreibungen, „die das Land kreierten“. So entstand die Schweiz „als Gegenbild zu dem, was einem bis zum Überdruss bekannt war“. Vermutlich kann nur einer, welcher einen fremden und daher immer auch einen neuen Blick auf unser Land wirft, derart pointierte Bemerkungen äussern.

Es ist diesmal Michail Schischkin (geboren 1961 in Moskau), Germanist und Anglist, welcher seit 1995 in der Schweiz lebt und ein Wanderbuch ganz besonderer Art vorlegt: In sieben Tagen – vermutlich ist die Zeitangabe ein bewusster Anklang an die biblische Schöpfungsgeschichte – er ist von Montreux über Saanen, Zweisimmen, Grindelwakd bis nach Meiringen gewandert und hat dabei die Spuren von Lord Byron und Graf Tolstoi eingehalten.

Seine „Vorwanderer“ zählten beide 28 Jahre, als sie an den Genfersee kamen; beide bewältigten dieselbe Strecke von Montreux nach Grindelwald und schrieben ein Tagebuch, welches den Zusammenhang zu späteren Texten herstellte.  Beide zeigten eine unverblümte Aversion gegenüber englischen Touristen, vor allem aber befanden sich beide auf der Flucht, als sie diese Wanderung antraten – Byron 1816, Tolstoi 1857. Byron floh vor der Bigotterie der englischen Gesellschaft, welche die Liebe zu seiner Halbschwester Augusta verurteilte; Tolstoi fühlte sich gejagt von jenem traumatischen Ereignis, da er als Zuschauer im April 1857 eine Guillotinierung in Paris erlebt hatte.

Auf Tolstois nie vollendeten Reisebericht über die Schweiz, auf dessen Tagebücher und Notizen, ebenfalls auf Byrons Tagebuchaufzeichnungen über seine Schweizer Wanderung stützt sich der Autor, wie auch auf Texte von Puschkin, Dostojewski, Nabokov, Rosanov oder Karamsin. Die Sterbeorte Byrons und Tolstois, das Missolunghi aus dem griechischen Freiheitskampf und das Stationshäuschen in Astapowo, ergeben denn auch mit dem Ausgangspukt Montreux den Titel.

Schischkin mag das Genre des Wanderbuchs um so mehr gereizt haben, als es innerhalb der russischen Reiseliteratur gar nicht existiert (an die Stelle des Wanderns rückt eher die Jagd, wie der Autor vermutet). Aber war er nun aus dem literarischen Quellenmaterial distilliert hat, ist zwar ein gelehrtes Buch, welches einen literarischen Kosmos aufreisst und dabei Ost und West zusammenführt.

Doch – oder gerade deswegen – ist dabei kein langweiliger Schmöcker entstanden. Schischkins text enthält eine Fülle überraschender AperÇus und Gedankenverbindungen. Nach der Lektüre sieht man manche Konstellationen neu, etwa die von Tolstoi und Rousseau: „Solche Menschen vereint die Energie der Verneinung. Sie werden geboren, um die Welt zu verwandeln.“ Oder man erfährt von der Charakterisierung Tolstois durch Turgenjew: „… etwas Hochmoralisches und gleichzeitig Unsympatisches“.

Wollte Tolstoi während der Schweizer Wanderung aufspühren, „wo in ihm Rousseau war und wo er selbst“, so geht es Schischkin zwar auch um das, was man heute gern Selbsterfahrung nennt. Aber noch weit mehr interessiert ihn das Spannungsfeld Russland – Schweiz. Allein schon nachzulesen, welche Schweizer Autoren in der Zarenzeit rezipiert worden sind, ist fesselnd: Lavater, Heinrich Zschokke (dieser zwar eingebürgert), Gotthelf oder Keller standen in russischen Bibliotheken, aber auch auf der Fahndungsliste der Zensoren. Das literarische Seldwyla z.B. wurde als Parodie auf das zaristische Regime ausgelegt, der „Grüne Heinrich“ wegen „politische Freidenkertums“ als gefährlich eingestuft. Geradezu amüsant aber gestaltet sich die Lektüre, wenn Schischkin seinen Schöpferblick auf Helvetien wirft und dabei treffliche Lakonismen findet: „Die Schweiz ist ein Land mit sieben Siegeln. Genau wie Russland auch. Ein Land nur für Eingeweihte.“

Man könnte sich an die Schweiz gewöhnen, sinniert er, „aber daran zu glauben, dass sie tatsächlich existiert, das geht nicht“. Warum denn nicht? In Russland hat man den Menschen Wunder versprochen, die aber nie eingetroffen sind – die Schweiz dagegen ist für Schischkin ein einziges Wunder, angefangen mit den langen Friedenszeiten über die konfliktgeladene, aber gemeisterte Viersprachigkeit bis zur Pünktlichkeit. Das mag für schweizerische Leser schmeichelhaft klingen; lobhudelnd oder anbiedern klingen Schischkins Reflexionen dennoch nicht.

Natürlich verlangt dieses Wanderbuch von den Lesenden einen etwas längeren Atem. Aber es lohnt die Geduld, denn der Leser kriegt mit ihm gleichfalls eine Literatur-, Kultur- und Landschaftsgeschichte in die Hand. Und das den wandernden Schischkin wie einst Tolstoi die Füsse schmerzen (Lord Byron hielt sich auf seiner Reise meist im Sattel auf!), kann man nachfühlen. Umso mehr, wenn man mit Schischkins Buch selbst diese Wanderung unternimmt.

Eine Warnung jedoch sei vorweg mitgegeben: Man soll sich nicht zu viel von den schönen Brienzer und Meiringer Mädchen versprechen, die Graf Tolstoi einst gerühmt hat. Sie sind zwar noch immer ansehnlich, kommen aber heutzutage aus Jugoslawien, wie uns Schischkin wissen lässt. Das Bier hat ihm in Meiringen trotzdem geschmeckt.

 

Russische Verwandte

Von Hans Baumgartner

“P.S.-Bücher”, 5.12.2002

 

Lieben Sie Wanderbücher? Speziell solche, deren Bestimmung es nicht ist, sich auf eine körperlich strapaziöse Tour vorzubereiten, sondern das Lesen selbst als genussvolle Vorwärtsbewegung zu erfahren? Mit der eigenen Wissbegier die kulturelle Luft Westeuropas aufzusaugen und in einem Wanderbuch nach westlichem Muster aufzubereiten, solches hat im 18. Jahrhundert als erster Russe Nikolai Karamsin mit grossem Erfolg gewagt.

Michail Schischkin, 1961 in Mokau geboren, seit 1995 in der Schweiz lebend, hat fasziniert vom intellektuellen Wanderbuch ein eigenes, ganz besonderes Buch für geistig-kulturelle Tourengänger geschaffen. Mit dem Laptop als treuem Begleiter spürt er vordergründig den Routen von Tolstoi und Byron in der Schweiz nach. Aufs Sorgfältigste vorbereitet folgt er den Vorgaben der beiden literarischen Meister, macht uns vertraut mit den Aufzeichnungen ihrer fast gleichartigen Wanderungen vom Genfersee ins Berner Oberland. Und er ordnet deren Wahrnehmungen ein in den zeitgenössischen Hintergrund.

Wir erfahren Biographisches, aber auch Zeitgeschichtliches, Kulturelles und Politisches aus dem Leben und der Zeit der wandernden Vorläufer. Und hintergründig? Schischkin eröffnet neben den historischen Bezügen zu Tolstoi und Byron eine zweite Ebene, einen sehr persönlichen, sehr analytischen und sehr kritischen Diskurs Schweiz-Russland. Der wandernde Schischkin, den elektronischen Zettelkasten immer in der Griffweite, führt uns weit über den geo- und biographischen Ansatz hinaus auf parallele geistige Ausflüge. Wir kehren mit ihm zurück ins Russland der Zaren, als Petersburg noch das europäische Machtzentrum darstellte. Wir sind aber auch dabei bei seiner persönlichen Menschwerdung als Student, als Lehrer und als Offizier der Volksarmee. Der Archipel Gulag habe ihn sehend gemacht, aus Heimatliebe zum schlechten Patrioten werden lassen, worunter damals im Grunde genommen ein wahrer Patriot zu verstehen war.

Mit dem Kamm fähr er durch die grosse Welt der Literatur und arbeitet heraus, was mit der Thematik in Bezug zu bringen ist. Von Rousseau über Goethe bis Madam de Stael ein üppiger Strauss, aber nicht geschwätzig oder bloss anekdotisch arrangiert, sondern mit Bedacht und Dialektik komponiert. Und wie zuvor in seinem Buch Die russische Schweiz begegnet er seinen russischen Verwandten, die wie Schatten die Schweiz bevölkern und „auf absonderliche Weise“ dieses Land Teil der russischen Geschichte werden liessen. „Hier zündeten in den Köpfen vieler Ideen, die dann Tausende Kilometer von Zürich und Genf entfernt in Bücher, in Bilder, in Geiselerschiessungen umgesetzt wurden.“ Schischkin ist genau in seiner Wahrnehmung, aber auch schonungslos in der Zuspitzung der Bilder, die er heranzieht, dabei gleichwohl ruhig und differenziert als Kommentator.

Wo Schmerz oder Trauer, aber auch Bitterkeit verständlich wären, gibt er sich stoisch, reagiert mit etwas. Was man in Anlehnung an die „russische Seele“ vielleicht als russischen Humor bezeichnen könnte: Nicht hartes Broz ist hart, kein Brot ist hart. Ein Gefangener ist kein Verbrecher, sondern ein Unglücklicher; es kann jeden, wirklich jeden treffen.

Schischkin ist nicht unbeteiligt gegenüber der Schicksalshaftigkeit des Lebens. Er schildert schonungslos und schmerzhaft den Abschied von der Mutter, einer Schuldirektorin, die in einer für uns nur schwer nachvollziehbaren, aber unentrinnbaren Zwangslage zwischen Opportunität und Opferbereitschaft feststeckte. Er spiegelt sein Russland mit seiner Schweiz: „Hier (in der Schweiz) sind die Ideen sterblich, vergehen zusammen mit der Geschichte“ – „Denkmäler in Russland sind lebendiger als Menschen“.

Er hinterfragt die Mythen und Legenden, die im Laufe der Zeit entstanden und bis heute überdauerten: Die schöne heile Schweiz als ein erfolgreich gepflegtes Bild einer auf Tourismus ausgerichteten, wenig naturnahen und ebenso wenig kultivierten Bauernschaft, die auch den russischen Revolutionären (aus heutiger präsidialer Sicht von P und B gewiss Terroristen) gerne Unterschlupf bot, wenn sie nur schön bezahlten. Auch der anständige Mensch Frisch wird aus seiner Totenruhe geweckt und an seine wodkareiche Wolgafahrt erinnert.

Schischkin will sich nicht beliebt machen. Er kennt kein Anbiedern mit dem Gastland. Auch wenn er die Schweiz liebgewonnen hat, hält er sich daran, dass nur ein kritischer Mensch ein wirklich guter Patriot ist. Vom Rauschen des Reichenbachfalls wird Schischkin nicht der Sinne beraubt, sondern er führt ihn weiter zu Sartre, zur Angst vor dem sich Hinabstürzen und zum Elend einer russischen Drogenkonsumentin. Bereits im Vorwort wird der Leser unter Bezugnahme auf Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers auf das intellektuelle Minenfeld vorbereitet, das ihn erwartet. Die russische Literatur leide seit ihrer Geburt an der Krankheit, dass sie nicht über das schreibe, was erwartet werde. Herausgekommen sei ein Buch darüber, dass der wandernde Schriftsteller mit der Welt quer lag, oder die Welt mit ihm.